rheingucker

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Was geht ab, Russland?

Vor einem Jahr hat man Russland noch als neuen Markt gefeiert, es als neues Reiseziel entdeckt und für das gute Erdgas auch über einen gewissen Umgang mit der Bevölkerung hinweggesehen…

Seit einer Woche ist der kalte Krieg zurück. Und eine Situation, die mit der Hitze der Kubakrise vergleichbar ist, zugleich. Putin hat die Hosen runtergelassen. Nicht etwa um von ihm verbotene Dinge nun spontan selbst zu praktizieren, sondern als Machtdemonstration par excellence. Die Olympischen Spiele waren vorbei, der Imagewandel hat nicht geklappt, Janukowitsch hat versagt, also hat sich Putin gedacht: „Scheiß auf äußerlichen Schein! Ich mach das á la Stromberg: Lass das mal den Papa machen!“ Und heimste quasi im Vorbeimarschieren die Krim ein.

Und schon haben wir innerhalb von Europa nicht nur einen Diktator, sondern zwei. Das konnte ja keiner ahnen. Nie und nimmer. Naja, Merkel vielleicht. Seit der Hundesache* hielt sie Putin wohl für einen, der zu allem fähig ist. Es wurden von verschiedener Seite schon früher Zweifel daran geäußert, dass Putin sich auf dieselbe Realität bezieht wie der Westen. Nun, eine Frage, die sich daraus ergibt, ist aber auch: Ist er deswegen realitätsfern? Ich halte ihn einfach für jemanden, der ziemlich genau weiß, wie man Macht erlangt, wie sie gebildet wird, wie man sie erhält und wie man sie gebraucht. Dass seine Wahl der Mittel nicht zu denen einer Demokratie gehört, sollte den Sinn für die Realität nicht beeinträchtigen. Zu einer von vielen Realitäten gehört es auch, dass die meisten Menschen, denen ein Gewehrlauf ins Gesicht gehalten wird, mit dem aufhören, was sie gerade machen.

Und das ist Putins Macht. Er benimmt sich wie der große, dicke, gemeine Junge auf dem Spielplatz, der sich alles nimmt, was er gerade haben will. Er kann das tun, weil er weiß, dass die anderen Kinder Angst vor Prügeln haben und die Eltern, die eventuell einschreiten könnten, sich lieber aufs Reden verlassen. Und Putin liebt dieses Spiel. Es ist eine persönliche Freude für ihn, nicht nur das Wahren von strategischen Interessen für Russland. Denn sonst hätte er solche Manipulationen wie mit der Hundesache unterlassen. Viel Vertrauensverlust für einen kleinen Kick fürs Ego.

Nun ist es leider so, dass dieses gemeine Kind mit Atomwaffen spielt. Und jede Menge Spielkameraden hat, die dasselbe machen und nur bedingt steuerbar sind. Und da sind wir wieder in der westlichen Realität angelangt. Wir haben plötzlich einen Nachbarn, der vorher nicht nett war und eigentlich auch irgendwie ein alter Nazi**, aber erst jetzt das Gewehr aus dem Schrank geholt hat und es jedem unter die Nase hält, der an der Tür klopft. Leider droht er damit, das Haus in die Luft zu sprengen, falls jemand ihm komisch kommt. Und dies glaubhaft. Die Polizei besteht in diesem Fall nur aus ein paar Leuten, die kurz vor der Rente sind und ihn nicht wirklich auf dem Schirm hatten. Kurzfristig lässt sich da nichts machen.

Was wird nun aus alldem?
Lange Rede, kurzer Sinn: Meine Vermutung ist, dass es viel Tamtam geben wird, jede Menge Krisengipfel etc. Dann wird die Krim sich für eine Staatsgründung entscheiden, um einen Monat danach entweder sich Russland ganz oder teilweise (als Bündnispartner) anzugliedern, was auf dasselbe hinausläuft. Die EU wird dies schlucken, Kiew und die USA werden brüllen, es aber dabei belassen. Dann wird man sich ernsthaft, aber leise, damit beschäftigen, wie man Putin quasi aus Russland „herausoperieren“ kann. Den Markt hätte man schon gern, aber halt mit etwas mehr Sicherheit. Und damit sind wir in einer Situation, die der vor 25 Jahren sehr ähnelt. Nur das jetzt sehr viel westliches Geld hinter russischen Grenzzäunen vergraben liegt. Also wird die Opposition im Land kräftig angestachelt werden, man wird versuchen, Putin das Wasser abzugraben. Dabei kann sich wiederum die USA als Demokratiewächter aufspielen und Freiheiten ähnlich wie Putin untergraben. Die EU wird darin nicht ehrenhafter, aber etwas tollpatschiger sein.

Und all das wird mir persönlich leider lieber als offener Krieg sein, der nur unnützes Leben fordert. Denn Krieg ist immer schmutzig und nie ehrenhaft.

Edit (7.3.14): Im Blog Chevoja wird auf zwei sehr gute ARTE-Beiträge aus der Reihe „Mit offenen Karten“ aus dem Jahr 2008 verwiesen. Diese gehen einmal auf die historischen Hintergründe wie auf die Bedeutung bei der Energiepolitik ein. Wer wie ich Schwierigkeiten mit dem zweiten Beitrag hat, kann diesen Link ausprobieren.

*Weil der Link bald tot sein wird: Merkel hat eine (leichte?) Hundephobie, worauf diplomatische Gastgeber aufmerksam gemacht werden. Putin ließ nun bei einem Kamingespräch mit Merkel absichtlich seine Hündin bei ihnen Platz nehmen, nur um sich an der Reaktion von Merkel zu ergötzen. Eine Anekdote, die tief blicken lässt.
**Für alle die sich über ein „Tabu-Wort aufregen, egal in welchem Kontext es steht: Penis, Penis, Penis!

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